Müsli und Milch in der Namib

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Chris erzählt und er tut das mit Leidenschaft. Mit seinem Buschhut steht er Barfuß vor uns. Er hat eine Shouvelsnut - Echse am Finger hängen und bringt uns bei das Wüste nicht nur Sand ist. "Hier gibt es Milch und Müsli.", sagte er am Anfang unserer Tour und wir wissen mittlerweile, es gibt noch viel mehr.

Nebel liegt über Swakopmund. Der Dunst zieht vom Meer in die Wüste. Wir warten auf Chris von Living Desert Adventures. Ein 4x4 biegt in die Straße vor unserem Backpackers ein. Chris springt aus dem Auto. Mit seinem kantigen, sonnengegärbten Gesicht unter dem Buschhut und der passenden Outdoor - Hose wirkt er wie jemand der gerne Draußen ist. Und das ist er auch. Die Namib, speziell die Sanddünen um Swakopmund, sind sein Büro.

Wir fahren in ein Schutzgebiet. Chris startet gleich voll durch. Er zeigt uns einige Bilder von Namibia. Es sind Luftaufnahmen.Und alle Aufnahmen zeigen das gleiche. Fahrzeugspuren in der Wildnis. Quad und Geländewagen spuren. Chris erklärt uns warum die Spuren ewig halten. Und warum gerade der Wind die Spuren vergrößert und nicht beseitigt. "Nur auf den Sanddünen gehen die Spuren weg. In den harten, verkrusteten Ebenen bleiben die für immer.", erzählt er und man kann merken wie sein Herz an der Sache hängt. Er kämpft für den Erhalt dieser einmaligen Landschaft.

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Wir sind mittlerweile angekommen. Chris springt aus dem Auto. Wir folgen ihm an eine der Dünen. Mit einem Schlangenhaken zeichnet er eine Düne in die Düne. "Milch und Müsli. Das ist das Geheimnis dieser Wüste. Müsli, dass ist die Nahrungsgrundlage für Käfer und Silberfische die in den Dünen wohnen.", stellt er uns bildlich da und hebt ein paar Samen und Grasreste auf. "Die kommen mit dem Wind. So wie ihr Sahara Sand in Europa habt, so kommen hier Pflanzenteile in die Sandwüste. Das ist das Müsli. Und der Nebel, dass ist die Milch. Milch und Müsli - mehr braucht es nicht für diese Tierwelt.", entertainet uns Chris. Mit dem Schlangenhaken malt er uns die Stelle an der Düne ein, wo der Wind das ganze Müsli ablädt. "Auf der windabgewandten Seite, da landet das Müsli.", unterlegt er seine Zeichnung.

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Die meisten der Tiere leben in der Düne. Man muss die Spuren deuten. Blitzschnell fliegt der Schlangenhaken in seiner Hand durch die Luft und zeigt auf einige der Spuren die uns umgeben. Zu jeder Spur kann er etwas erzählen. Chris ist ein wandelndes Dünenlexikon.

Dann wird es aber ernst. Wir haben die Spur einer Schlange entdeckt. Chris kniet sich hin und untersucht einen Busch. "Könnt ihr sie sehen ?", gibt Chris in die Runde. WIldes suchen setzt ein. Jetzt zeigt Chris mit dem Schlangenhaken auf den Sand. Immernoch Fragezeichen in den Gesichtern. Dann beginnt der Sand sich zu bewegen. Eine Peringuey's Otter taucht auf. Die Schlange ist so lang wie mein Mittelfinger. Ein Zwerg. "Das ist eine Kleine. Die werden bis 30 Zentimeter lang.", kommentiert Chris sie und befördert sie mit dem Schlangenhaken ins Freie. Die Fotos beginnen zu klicken.

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Die Augen des Winzlings sind das einzige was aus dem Sand herausschaut. Sie liegen extra weit oben am Kopf. Wenn eine Echse ihres Weges kommt, dann hält die Schlange auch noch ihren Schwanz aus dem Sand und imitiert ein Silberfischen. Wenn die Echse zuschlagen will, dann schlägt die Schlange zu.

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"Es ist noch früh am Morgen. Die Schlange ist noch kalt. Deshalb kann ich sie hochheben. Wenn die Schlange erstmal aufgewärmt ist, dann ist das wirklich gefährlich. Die Schlange hat zytotoxisches und neurotoxisches Gift. Egal ob noch so klein oder ausgewachsen. Sie haben das gleiche Gift. Zytotoxisches Gift zersetzt schon mal das Fleisch. Sprich - man bekommt einen Wurstfinger. Neurotoxisches Gift greift die Nerven an. Sprich - man beginnt zu zucken und tanzen.", beschreibt Chris die Situation als er die Schlange hochnimmt, "Aber man stirbt nicht von einem Biss.".

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Er setzt die Schlange zurück und wir sind noch immer verwundert wie er sie gefunden hat. "Da. Seht ihr die Wellen. Die gehen zu dem Busch. Ich war mir nicht ganz sicher ob sie noch da ist, da die Wellen schon etwas älter zu sein scheinen. Danach habe ich nach den Augen gesucht.", beantwortet uns Chris die Frage, wie er die Schlange entdeckt hat.

Dann gräbt Chris an einer Stelle an der etwas Sand anders gefärbt ist. Zum Vorschein kommt ein Silberfisch. "Diese Jungs und die Käfer ernähren sich von dem Müsli. Und sie selbst ernähren Geckos, Chameleons, Echsen und Skinks. Diese wiederum ernähren Schlange, Vögel, Schakale und andere Tiere.", erinnert uns Chris. Über 200 Arten von Klopfkäfern kann man auf einer Düne finden. Und Chris findet auch gleich einen. "Alle haben ihre spezielle Art Wasser zu sammeln. Der hier zum Beispiel bastelt sich eine Rinne in die Düne und legt sich darunter um den Morgennebel aufzufangen.", gibt Chris von sich während er schon mit dem Finger eine Rinne bastelt und den Klopfkäfer zu Demonstrationszwecken darunter setzt.

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Chris läuft ständig hin und her. Er schaut. Er kniet. Er buddelt.

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Dann hält er wieder an einem Busch. Doch diesmal sucht er nicht nach Tieren. Diesmal erzählt er uns etwas über den Busch, dessen Blätter und wie die Blätter das Wasser in den Boden leiten wo die Wurzeln es aufnehmen und wieder in den Blättern speichern. Dann nimmt er einige der Blätter, hält sie demonstrativ hoch und quetscht das Wasser aus ihnen heraus. Das kostbare Nass fließt seinen Daumen herunter. "Und hier hat es seit 4 Jahren nicht mehr geregnet. Macht das mal mit den Pflanzen in eurem Garten.", wirft uns Chris entgegen.

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Dann geht es zurück zum Auto. Chris lässt Luft aus den Reifen, damit wir tiefer in die Wüste hinein fahren können.

Nach kurzer Fahrt steigen wir aus. Schon während der Fahrt hat er immer wieder aus dem Auto geschaut. Nach Spuren gesucht.

Mit einem Magneten unter dem Arm stapft er vorraus. Mittlerweile hat er keine Schuhe mehr an. Der Nebel ist weg. Es ist wärmer geworden.

Er zieht den Magneten über den Sand. Immer mehr schwarze Partikel sammeln sich an. Ein magnetisches Metall ist Bestandteil des Sandes. Dann ist da noch Quarz und Granat. Granat ist nichts anderes als Rubinstaub. Ein großes Granatkorn ist ein kleiner Rubin. Die Schatzjäger unter uns horchen auf.

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Wir laufen einige Dünen entlang. Immer auf dem losen Sand, nie auf der Kruste, damit wir keine Spuren hinterlassen, die der Wind nicht beseitigen kann. Chris findet wieder eine Spur. Diesmal einen hellen Fleck im Sand. Ähnlich dem der Silberfischchen nur wesentlich größer. Vorsichtig stochert er mit dem Schlangenhaken.

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"Da ist die Tür.", erzählt er und öffnet mit dem Schlangenhaken eine kleine Lucke im Sand und fährt fort, "das ist der Bau einer White Lady Spinne.". Er beginnt zu Graben. Es daurert eine Weile. Der lose Sand läuft immer wieder in das Loch das Chris krampfhaft versucht tiefer zu buddeln. Doch dann kommt die kleine Spinne zum Vorschein. 

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"Das ist eine Kleine. Die großen Männchen sind wesentlich imposanter.", kommentiert Chris die Spinne. "Wenn sie sich bedroht fühlt, dann kugelt sie sich zusammen und rollt die Düne runter".

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"Sie wird gleich damit beginnen eine neue Höhle zu Graben.", lässt Chris nebenbei fallen und verfolgt schon die nächste Spur. Diesmal finden wir allerdings nichts und setzen unsere Fahrt zur nächsten Düne fort.

Im Sand ziehen sich kleine Spuren entlang. Gerade so als hätte jemand direkt unter der Oberfläche einen Tunnel gegraben. Und genau das ist der Fall. Am Ende wartet ein Skink auf uns und Chris ist wieder am buddeln. 

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Er zeigt uns den kleinen "Wurm" und will das wir ihn anfassen. Er fühlt sich an wie Wachs. "Das ist Sonnenmilch und Aerodynamik zugleich.", bekommen wir erklärt. Als Chris ihn runtersetzt verschwindet er sofort wieder unter dem Sand.

Einer unserer Begleiter hatte auf dem Weg zum Skink schon eine Echse über die Düne flitzen sehen. Und genau der Spur folgen wir jetzt. Vorne Weg, wie immer, Chris und wir tippeln hinterher.

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Es ging verdammt schnell. Ich habe nicht einmal mitbekommen wie Chris den Kerl gefangen hat. Er hat ein Shouvelsnout Lizard in der Hand. "Echsen rutschen die Wand wieder runter und sind tagaktiv - Geckos sind Nachtaktiv und kleben an der Scheibe.", bleut uns Chris ein und lässt sich von dem kleinen Kerl in den Finger beissen. "Jetzt wisst ihr auch warum wir den kleinen Kerl auch Sandkrokodil nennen.", lacht Chris und hat das kleine Raubtier am Finger hängen.

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Behutsam setzt er ihn zurück und wir sind schon mit dem Auto unterwegs auf die nächste Düne. Diesmal bleiben wir sitzen und Chris rennt alleine auf die nächste Düne. Er schaut sich um, kommt zurück, und winkt uns herbei. Bis wir bei ihm sind ist er schon wieder am buddeln. 

Flupp - und ein Gecko erblickt das Tageslicht. "Der Gecko ist eine Ausnahme. Er ist der Einzige mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen.", zeigt uns Chris als er den kleinen Kerl auf der Hand hält.

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Nur kurz setzt er ihn für ein Foto in die Sonne, dann darf der nachtaktive Kerl wieder zurück in die Düne. Dazu buddelt Chris wieder eine kleine Mulde, bastelt mit dem Finger an deren Ende eine kleinen Gang den der Gecko gleich anfängt zu erweitern. 

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"Wir hatten Gecko, Eidechse, Spinne, Schlange. Was fehlt noch ?", fragt Chris. "Chamäleon.", kommt als Antort und keine 5 Minuten später fahren wir am Rande einer Düne durch kleine Pflanzen. "Hier leben sie in der Regel. Haltet die Augen auf !", spornt uns Chris an.

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Und tatsächlich. Wir finden eines der Namaqua Chamäleons und steigen aus. Jetzt erfahren wir auch warum Chris zwischendurch immer mal Käfer gesammelt hat. Nach einer kurzen Einweisung über die Art, die Größe und das Verhalten werden die Käfer zu Chamäleon - Futter ernannt.

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Chris hält einen der Tok-Tokkie Käfer hin. Das Chamäleon nimmt Peilung auf. Die eben noch wild umherstreifenden Augen zeigen jetzt in Richtung Tok - Tokkie. Das Maul öffnet sich leicht. Die Zunge kommt leicht zum Vorschein. Dann - Peng. Zielsicher wie John Wayne hat das Chamäleon seine Beute erlegt. Unterbrochen nur von dem Rattern der Kameras.

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Chris demonstriert uns das Ganze noch einmal. Diesmal will ich die Zunge komplett auf dem Foto haben. Der arme, kleine Tok - Tokkie windet sich in Chris Fingern, aber das Chamäleon hat ihn schon wieder im Visier. Ich zoome mit der Kamera etwas raus, damit ich noch Chris Finger im Bild habe. Die Zunge ist leicht zu sehen. Ich schalte auf Dauerfeuer und - PENG - der Käfer ist im Maul des Chamäleons verschwunden.

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Alle guten Dinge sind Drei. Einen Tok - Tokkie haben wir noch, doch beim hinhalten windet er sich aus Chris Fingern. Er flüchtet die Düne hinauf. Jetzt bekommen wir eine Eigenschaft vom Namaqua Chamäleon zu sehen, die es von allen anderen unterscheidet. Der Kerl ist schnell. Mit großen Schritten jagt er dem Käfer hinterher. Flupp. Und schon wieder kaut das Chamäleon, sichtbar happy, an seinem kleinen Snack.

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Ich war so konzentriert auf die Fütterung das ich für die Jagd nicht schnell genug umschalten konnte. Aber ich sehe Elfi grinsen. Sie konnte die Szene festhalten.

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Das Chamäleon, sichtlich über seinen Erfolg erfreut, schaltet die Farbe um. Partyweiß ist jetzt angesagt und dippelt die Düne herunter direkt in unsere Mitte. 

Dort sitzt es nun wie ein Hund und wartet anscheinend auf den nächsten Snack, aber Chris's Käferschachtel ist leer. Wir verabschieden uns von dem kleinen Kerl und begeben uns zurück in Chris Auto.

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Chris fährt mit uns noch auf eine hohe Düne (Im Quad - Gebiet nicht in der geschützten Zone). Hier halten wir an. Quatschen ein bisschen und genießen die Wüstenatmosphäre. Wir mache ein paar Landschaftsaufnahmen. Das Wissen das Chris uns vermittelt hat setzt sich.

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Gegen Mittag sind wir zurück in Swakopmund. Gestern war sie vielleicht noch die Stadt der Schwarzwälder Kirschtorte, ab heute ist sie für uns die Stadt von Milch und Müsli und den lebenden Dünen...

Elfi & Andy auf Africatour - http://africatour.ankimo.net - ankimo1@googlemail.com